KESB- das Fallbeispiel „Silvan“: weist auf dringenden Bedarf einer funktionalen Vernetzung der KESB

Fallbeschreibung:
Junge-Symbolbild

Silvan, Symbolbild

Der 10 jährige Junge Silvan verbringt seit zwei Jahren seine Zeit nebst des Schulunterrichtes in der Tagesschule. Das verantwortliche Betreuungspersonal der Tagesschule hat festgestellt:

  • Silvan spricht deutlich lauter als andere Kinder
  • Er ist offenbar nicht in der Lage, was er spricht, so zu formen und zu gestalten, dass es klar und deutlich klingt
  • Silvan findet zu den anderen Kindern der Tagesschule nicht leicht Kontakt
  • Durch das sehr laute Sprechen von Silvan fühlen sich die anderen Kinder zum Beispiel bei Tischsituationen an den Rand gedrängt
  • Silvan ist immer sehr blass
  • Er ist klar übergewichtig
  • Spielt er mal mit einem anderen Jungen z.B. mit Lego, repetiert er offensichtlich Szenen aus gesehen brutalen Filmen
  • Sein Bewegungsrepertoire wirkt im Vergleich zu jenem von Gleichaltrigen äusserst träge und eingeschränkt
  • Silvans Kleidung und Körperpflege dokumentiert eine andauernde familiär bedingte Verwahrlosung, es kommt immer wieder vor, dass er über Wochen die selben schmutzigen Kleider trägt, so dass er auch mit unangenehmen Gerüchen auffällt
  • insgesamt sind bei Silvan eine ganze Reihe klare Zeichen einer chronischen Depression zu erkennen
Die Leitung der Tagesschule hat mit dem Ziel, Silvans Entwicklung zu unterstützen, folgende Schritte unternommen:
  1. Mehrere Gespräche mit den Eltern. Diese Gespräche wurden durch die Leitung der Tagesschule als sehr schwierig bezeichnet, die zu keiner klaren Verbesserung geführt hätten.
  2. Gespräche mit dem Team der Schule, denn dort gibt es zur Gesundheit von Silvan die selben Feststellungen.

Nachdem seit mehreren Jahren solche Bemühungen durch das Fachpersonal der Tagesschule keine klare Verbesserung bewirken konnten, scheint man die Lebenssituation von Silvan als etwas Gegebenes und Unveränderliches hingenommen zu haben. Weitere Bemühungen im Interesse von Silvan wurden nicht unternommen. Das sei nicht Auftrag der Tagesschule, erklärt das verantwortliche Personal auf entsprechende Nachfragen, ausserdem seien ihre Ressourcen nicht ausreichend, um hier sich weiter engagieren zu können. Zudem laufe man Gefahr, bei Fehlen von klaren Aufträgen für solche Interventionen, Ärger und Vorwürfe anzuziehen.

Analyse und Fazit aus dem Fallbeispiel Silvan:

Aus dem Gespräch mit dem hoch motivierten und engagierten Fachpersonal, verantwortlich für eine Tagesschule, wird die völlig fehlende systemische Vernetzung mit der KESB offensichtlich.

Sowohl auf Seiten der involvierten Schule, der verantwortlichen Gemeindebehörden, des betroffenen Fachpersonals der Tagesschule, als auch auf Seiten der KESB hat man es bisher nicht geschafft, überhaupt nur eine funktionale und minimale gegenseitige Kommunikation zu etablieren.

Ausgehend zum oben beschriebenen Fallbeispiel wird klar:
  • Entwicklungsverzögernde und möglicherweise bleibende beeinträchtigende Auswirkungen hat das betroffene Kind zu tragen, seine schulische und soziale Entwicklung wird gravierend behindert
  • alle anderen in der Tagesschule anwesenden Kinder und das Betreuungspersonal sind dieser Kultur der Resignation ebenfalls ausgesetzt und auch sie sind davon in Mitleidenschaft gezogen – es ist ein riesiger Unterschied, ob es sozusagen „Norm“ ist, einen solchen Jungen ohne wirksame und griffige unterstützende Massnahmen über Jahre mitgeschleppt wird oder ob in systemischer Zusammenarbeit wirksame unterstützende Massnahmen getroffen werden und eine positive Entwicklung des Jungen möglich wird – es ist ein riesiger Unterschied für den betroffenen Jungen in erster Linie aber ohne Zweifel für die Kultur der Tagesschule ebenso, die Kultur der Tagesschule, die allen anwesenden Kindern und Mitarbeitenden und dem dazu gehörigen sozialen Netz als Grundlage und Koordinatensystem für alles Handeln und einen wesentlichen Teil ihrer Existenz bildet.
  • Es fehlt ein Akteur, der systemisch vernetzend im besten Sinne von Prävention wirksam handelt
Strukturelle Perspektive und Optionen für KESB

Zur Erfüllung des gesetzlichen KESB-Auftrages im Bereich Kindeswohl und Kinderschutz werden eine Reihe von Werkzeugen zur Verfügung gestellt. Formulare zur Meldung von Gefährdungen kann man kostenlos downloaden.

Die Architektur der Zivilrechtlichen Kindesschutzmassnahmen wirken auf Personen, die sich mit einer Gefährdung des Kindeswohls in einem ganz konkreten Fall wie oben beschrieben, konfrontiert sehen, insgesamt alles andere als „niederschwellig“.

Der Hinweis in den KESB Informationen:

Die Kindesschutzmassnahme ist frühzeitig anzuordnen. Damit soll vermieden werden, zu einem späteren Zeitpunkt umso intensiver ins Familiensystem eingreifen zu müssen.

wirkt angesichts der zur Verfügung stehenden harten Massnahmen zumindest nicht im systemischen Kontext durchdacht. Ist der Befund anhand des Fallbeispiels „Silvan“ nicht die logische Folge davon? Fachpersonal, das im Alltag mit Kindern arbeitet, sei das in Kindergärten, Tagesschulen oder Schulen, werden von der KESB mit ihren „Fällen“ so lange allein gelassen, bis es nicht mehr anders geht, bis es zur Explosion kommt, bis es zum Delikt kommt und harte Zwangsmassnahmen mit harten Eingriffen in die Elterliche Gewalt verordnet werden müssen.

Die Ermahnung der KESB, Kinderschutzmassnahmen seien frühzeitig anzuordnen, bleibt eine dysfunktionale leere Formel, solange sie nicht umgesetzt wird in eine systemisch verankerte Kommunikation entlang aller wichtiger Schnittstellen im Betreuung- und Bildungsnetz der betroffenen Kinder.

Der eindrücklich hohe Grad an Dysfunktionalität einer Beschränkung oder ausschliesslichen Fokussierung auf vorgedruckte Formulare von Seiten der KESB als „Kommunikationskanal“ im Zusammenhang mit „Gefährdungsmeldung“  ruft doch mit hoher Dringlichkeit nach einer sofortigen Überarbeitung der gesamten Architektur des Instrumentariums der KESB, wenn es um Kinderschutz geht.

Das Fallbeispiel „Silvan“ macht deutlich, welch gravierende Auswirkung die fehlende, präventiv und nicht ausschließlich auf angeordnete Massnahmen ausgerichtete, vorstufige, auf Empowerment ausgerichtete Präsenz der KESB mit sich bringt.

Solange die KESB ihre Kommunikation als Deklaration und einen auf ihr System beschränkten Monolog praktiziert – bleibt jener KESB- Hinweis absurd:

Die Kindesschutzmassnahme ist frühzeitig anzuordnen. Damit soll vermieden werden, zu einem späteren Zeitpunkt umso intensiver ins Familiensystem eingreifen zu müssen.

Abschliessende dringende Empfehlung an die KESB

(dies bezieht sich nicht auf eine regionale KESB sondern auf eine Organisationsstruktur, die Überregional und landesweit zur Anwendung kommt)

Die KESB muss zur Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrages zum Schutz des Kindes dringend, nebst bisheriger Definitionen ihrer Aufgabe, neu vermehrt aktiv durch funktionale Handlungen präventiv wirken, ja eine aktive Rolle im systemischen Vernetzen der verschiedenen Akteure wahrnehmen.

Die KESB muss zu einem Akteur und Treiber einer präventiven, systemischen Kommunikationskultur im Netz der Kinderbetreuung werden.

Früchte wilder Rosen

Früchte wilder Rosen

Im Folgenden Informationen zu Kindeswohl und Kinderschutz, wie sie zum Beispiel die KESB im Kanton Bern zur Verfügung stellt.
Architektur zivilrechtlicher Kinderschutzmassnahmen

Architektur zivilrechtlicher Kinderschutzmassnahmen

Gefährdung des Kindeswohls

Das Kindeswohl wird insbesondere durch Vernachlässigung, körperliche oder psychische Misshandlung oder sexuellen Missbrauch gefährdet. Die Ursachen von Kindeswohlgefährdungen sind vielfältig und können in mangelndem Wissen, Notlagen oder psychischen Problemen der Eltern oder in familiären Konflikten liegen.

Meldung einer eventuellen Kindeswohlgefährdung

Jede Person kann der Kindes- oder Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Meldung erstatten, wenn sie von einer Gefährdung des Kindeswohls Kenntnis erhält. Sie können die Gefährdungsmeldung der zuständigen KESB schriftlich oder mündlich einreichen.

Formular: Meldung einer eventuellen Kindeswohlgefährdung (Word, 144 KB, 3 Seiten)

Anordnung von Kindesschutzmassnahmen

Für die Anordnung von Kindesschutzmassnahmen ist grundsätzlich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zuständig. Sie orientiert sich dabei an den folgenden Grundsätzen:

  • Die Kindesschutzmassnahme ist frühzeitig anzuordnen. Damit soll vermieden werden, zu einem späteren Zeitpunkt umso intensiver ins Familiensystem eingreifen zu müssen.
  • Es ist die mildeste Kindesschutzmassnahme, die in der konkreten Situation Erfolg versprechend ist, zu wählen. Die gewählte Massnahme soll die Elternrechte so wenig wie möglich, aber so stark wie nötig einschränken.
  • Die Kindesschutzmassnahme soll die Bemühungen der Eltern ergänzen oder ihre Fähigkeiten stärken – und nicht ersetzen. Im Vordergrund steht die „Hilfe zur Selbsthilfe“.
  • Die Kindesschutzmassnahme hat einzig zum Ziel, das Kindeswohl zu sichern oder wieder herzustellen. Sie ist keine Sanktion gegen die Eltern, sondern soll als Unterstützung dienen.

Quelle der obigen Infos betreffend Kindeswohl und Kinderschutz: http://www.jgk.be.ch/jgk/de/index/kindes_erwachsenenschutz/kindesschutz/zivilrechtliche_kindesschutzmassnahmen.html

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